Die größte Insel Schwedens
Gotland ist mit einer Landfläche von rund 2.994 Quadratkilometern die größte Insel Schwedens. Zählt man Fårö und die kleineren Nebeninseln der historischen Provinz hinzu, kommt man auf etwa 3.184 km² – die verbreitete Angabe „rund 3.000 km²” ist also korrekt. Die Insel liegt mitten in der Ostsee, rund 90 Kilometer vor der schwedischen Festlandküste, und bildet zugleich eine eigene Provinz (län) und Gemeinde.
Ende 2025 lebten in der Region Gotland rund 60.000 Menschen (vorläufige SCB-Zahlen; 2024 waren es 61.023). Etwa die Hälfte davon wohnt in der einzigen Stadt der Insel, Visby – der Rest verteilt sich auf Dörfer und Höfe über die ganze Insel. Wie man hinkommt, steht im Anreise-Guide und im Fähren-Guide.
Geschichte: von der Hanse bis zu Schweden
Vom 12. bis ins 14. Jahrhundert war Visby das wichtigste Hanse-Zentrum im Ostseeraum; der Vertrag von Artlenburg von 1161 gilt als ein Ausgangspunkt der Hanse. Aus dieser Blütezeit stammen die im 13. Jahrhundert errichtete Stadtmauer und über 200 Speicher und Kaufmannshäuser. Visby gilt als die am besten erhaltene befestigte Handelsstadt Nordeuropas und steht seit 1995 auf der UNESCO-Welterbeliste.
Der Niedergang kam im 14. Jahrhundert. Am 27. Juli 1361 schlug das Heer des dänischen Königs Valdemar IV. Atterdag die gutnische Bauernarmee vor den Toren Visbys vernichtend; rund 1.800 Tote wurden in Massengräbern bei Korsbetningen bestattet, zwei Tage später kapitulierte die Stadt. Pest um 1350 und dänische Eroberung beendeten Visbys Führungsrolle – 1470 entzog die Hanse der Stadt den Hansestatus. Danach gehörte Gotland fast 300 Jahre zu Dänemark (1525 beschoss Lübeck zwischenzeitlich die Stadtmauer). Erst mit dem Frieden von Brömsebro 1645 kam die Insel an Schweden und ist seither schwedisch.
Insel der hundert Kirchen
Gotland trägt den Beinamen „Insel der hundert Kirchen” – und das mit gutem Grund: Auf der Insel sind 92 gut erhaltene mittelalterliche Landkirchen erhalten, die meisten aus dem 12. bis 14. Jahrhundert, romanisch und gotisch. Die große Mehrheit dieser ländlichen Pfarrkirchen ist bis heute in Gebrauch – eine Kirchendichte, die es so kein zweites Mal gibt.
In Visby selbst ist das Bild umgekehrt: Vom mittelalterlichen Bestand wird nur noch der Dom St. Maria genutzt, alle anderen Stadtkirchen sind Ruinen. Insgesamt zählt man auf Gotland 19 bekannte Kirchenruinen, davon allein zwölf bis dreizehn in Visby – die „Ecclesia Desolata”, die verlassenen Kirchen der einstigen Hansestadt. Mehr zu Bau und Besuch steht im Kirchen-Guide.
Raukar: Kalkfelsen aus einem tropischen Urmeer
Das markanteste Naturwahrzeichen Gotlands sind die Raukar – freistehende Kalkstein-Felssäulen an den Küsten. Ihr Gestein ist silurischer Riffkalk aus Stromatoporen und Korallen, entstanden vor rund 420 Millionen Jahren in einem tropischen Flachmeer. Die heutigen Säulen wurden nach der letzten Eiszeit von Brandung und Verwitterung herausgearbeitet.
Die bekanntesten Standorte liegen im Nordwesten von Fårö und an Gotlands Ostküste:
- Langhammars und Digerhuvud im Nordwesten von Fårö – an Langhammars stehen etwa 50 Rauks, einige über 8 Meter hoch.
- Lergrav, Kyllaj und Holmhällar an der Ostseite Gotlands.
- „Jungfrun” bei Lickershamn, die wohl berühmteste einzelne Felssäule der Insel.
Eine Gesamtzahl aller Raukar gibt es nicht; gezählt werden nur einzelne Felder. Mehr dazu im Raukar-Guide und in der Übersicht zur Natur Gotlands.
Gotlandschaf und Gotlandsruss
Zwei Tierrassen prägen das Inselbild und tragen Gotlands Namen in die Welt.
Das Gotlandschaf (Gotlandsfår, ein Pelzschaf) entstand in den 1920er- und 1930er-Jahren durch Kreuzung des einheimischen Gutefår mit Karakul und Romanov. Es ist hornlos, hat einen schwarzen, wollfreien Kopf und schwarze Beine, und sein Vlies ist grau – von silbern bis fast schwarz. Mutterschafe wiegen etwa 55 bis 70 kg, Böcke 75 bis 85 kg; gezüchtet wird die Rasse als Zweinutzungstier für Pelz und Wolle wie auch für Fleisch. Schweden hält die weltweit größten Bestände, auf Gotland gibt es Herden mit bis zu 600 Mutterschafen; verbreitet ist das Tier heute bis nach Großbritannien, Neuseeland, Australien und (seit 2003) in die USA.
Der Gotlandsruss (Gotland-Pony) ist Schwedens einzige einheimische Ponyrasse und sehr alt – Belege reichen bis in prähistorische Zeit zurück. Die Tiere messen etwa 117 bis 132 cm Stockmaß und wiegen rund 250 kg; häufig sind Falben, Braune, Füchse und Rappen. Die Rasse war beinahe ausgestorben: Um 1880 lebten noch rund 11.500 Tiere auf den Heiden, 1930 nur noch etwa 30 Zuchtstuten. Heute gibt es weltweit wieder rund 6.000 bis 8.000 Gotlandsruss, die meisten in Schweden. Beide Rassen sieht man inselweit auf den Weiden; feste Schauhöfe mit verlässlichen Öffnungszeiten nennen wir bewusst nicht.
Trüffel und Safran: kulinarische Raritäten
Das milde, sonnige Inselklima und der Kalkboden bringen Spezialitäten hervor, die man in Schweden sonst kaum findet. Gotland ist – neben einzelnen Stellen auf Öland – der einzige Ort Schwedens mit Trüffelvorkommen. Es ist die Burgundertrüffel (Tuber uncinatum, eine Herbsttrüffel), die unterirdisch bevorzugt in Hasel- und Eichenwäldern auf Kalkboden wächst, wild wie kultiviert. Saison ist von Anfang Oktober bis etwa Mitte Dezember beziehungsweise bis zum Bodenfrost; im Herbst organisiert der Gotlands Tryffelförening Trüffeljagden und ein jährliches Tryffelfestival mit Verkostungen.
Auch Safran wird in Schweden nur an wenigen Orten angebaut, darunter Gotland. Das sonnige Klima und der Kalkboden bieten gute Bedingungen; aus dem Safran entsteht die Saffranspannkaka, der gotländische Safranpfannkuchen, eine Inselspezialität. Mehr zu Höfen, Saison und Adressen steht im Genuss-Guide.
Lage, Klima und beste Reisezeit
Gotlands Klima ist stark von der Ostsee geprägt – das macht die Insel milder, sonniger und windiger als das schwedische Festland. Im Juli liegt die Durchschnittstemperatur bei etwa 17,5 °C (Tageshoch um 20 °C), im Januar um 0 °C (etwa −2 bis +2 °C). Gotland gehört zu den sonnenreichsten Regionen Schwedens mit rund 2.000 bis 2.100 Sonnenstunden im Jahr; im Sommer sind bis zu 10 bis 11 Sonnenstunden am Tag möglich.
Die beste Reisezeit ist der Sommer (Juni bis August) mit dem wärmsten und sonnigsten Wetter. Mai und September sind mildere, ruhigere Randmonate für alle, die den Hochsommertrubel meiden wollen; der Winter ist mild, aber windig. Eine ausführliche Monatsübersicht steht im Guide zur besten Reisezeit.