Die Insel der hundert Kirchen
Kaum etwas prägt das Landschaftsbild Gotlands so sehr wie seine Kirchen. Über die ganze Insel verteilt stehen 92 mittelalterliche Kirchen, die vor 1350 errichtet wurden – eine davon ist der Dom in Visby, die übrigen rund 91 sind Landkirchen in den Dörfern. Dazu kommen einige verfallene Ödekirchen wie Ardre/Gunnfjauns kapell, Bara, Elinghem und Gann. Kein anderer Teil Schwedens hat so viele mittelalterliche Kirchen auf so engem Raum; der Beiname „Insel der hundert Kirchen” ist deshalb kaum übertrieben.
Die meisten Kirchen entstanden zwischen dem 12. und dem mittleren 14. Jahrhundert. Über hundert Kirchen und Kapellen wurden vor 1350 begonnen, und am Bau waren auch Handwerker aus Deutschland beteiligt. Nach etwa 1350 endete die Bautätigkeit weitgehend: Mit der dänischen Eroberung 1361 und der Dominanz der Hanse kam der wirtschaftliche Niedergang. Gerade weil danach kaum noch Geld für Umbauten da war, blieben die Kirchen überwiegend im mittelalterlichen Originalzustand erhalten – das macht ihr Ensemble in Europa einzigartig.
Warum gerade hier so viele Kirchen stehen
Der Reichtum für die Kirchenbauten stammte aus dem Fernhandel. Im 12. und 13. Jahrhundert wurden die gotländischen Bauern, die Gutar, durch den Handel über die Ostsee wohlhabend – mit russischen und finnischen Pelzen und mit Bienenwachs aus dem Baltikum. Die Gotländer unterhielten in Nowgorod sogar ein eigenes Handelskontor, den Gotenhof, und Visby war der Knotenpunkt zwischen dem Ostseeraum und Westeuropa. Erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts übernahmen deutsche Hansekaufleute zunehmend das Geschäft.
Mit diesem Geld bauten die Gemeinden ihre steinernen Kirchen – fast jedes Dorf seine eigene. Anders als oft vermutet war kein Bernsteinhandel die Hauptquelle, sondern der breit gefächerte Warenverkehr entlang der frühen Hansewege. Als der Handel im 14. Jahrhundert wegbrach, fehlte das Geld für weitere Neubauten und spätere Modernisierungen – und genau dieser Stillstand hat das mittelalterliche Erbe bewahrt.
Was die Landkirchen so besonders macht
Die rund 91 Landkirchen sind nicht nur zahlreich, sondern auch außergewöhnlich vollständig ausgestattet. Ihre mittelalterlichen Innenausstattungen – Taufsteine, Bänke, Nebenaltäre, Almosenkästen, Triumphkreuze, Chorgestühl, Retabel, Tabernakel und Piscinen – sind weitgehend im originalen räumlichen Zusammenhang erhalten, überwiegend zwischen 1150 und 1350 entstanden. Kunsthistorisch gelten diese Ensembles als einzigartig, weil vergleichbare Innenräume andernorts fast überall verloren gegangen sind. Garde kyrka mit ihrem Friedhof zählt zu den besterhaltenen mittelalterlichen Kirchen-Ensembles Schwedens.
Zwei Ausstattungsstücke sind besonders typisch für die Insel:
- Glasmalereien: Gotlands Kirchen bewahren die besterhaltenen mittelalterlichen Glasmalereien Nordeuropas. Etwa 90 Prozent aller in Nordeuropa erhaltenen mittelalterlichen Glasmalereien stammen aus gotländischen Kirchen, überwiegend aus dem 12. und 13. Jahrhundert; zu sehen sind sie in rund dreißig Landkirchen.
- Taufsteine: Die gotländischen Taufsteine entstanden in romanischen Werkstätten, die Kunsthistoriker nach Stilgruppen wie Hegwaldr, Majestatis, Byzantios und Sigrafr unterscheiden. Frühe Stücke sind aus Sandstein, spätere aus Kalkstein. Ab dem 12. Jahrhundert exportierten diese Werkstätten in den gesamten Ostseeraum – über 1.500 exportierte Taufsteine sind nachgewiesen, ihre Verbreitung deckt sich fast mit den Hanse-Handelsrouten.
Hinzu kommen gotische Portale, Kalkmalereien und Wehrtürme. Welche Kirche die „schönsten” Fenster oder den eindrucksvollsten Taufstein hat, ist Geschmackssache – auf fast jeder Fahrt über Land lohnt aber ein spontaner Stopp.
Lohnende Ziele auf dem Land
Ein guter Einstieg ist die Klosterruine Roma im Inselzentrum. Das Zisterzienserkloster wurde 1163/1164 von Mönchen aus Nydala gegründet, ausgerechnet auf dem Platz des gutnischen Things. Die Anlage gilt als eine der besterhaltenen frühmittelalterlichen Klosteranlagen Schwedens; das Gelände der Roma Kungsgård ist mit Infotafeln frei begehbar und dient im Sommer als Theaterbühne. Bemerkenswert: Das Portal der Klosterkirche von Roma wurde zum Vorbild für Kirchenportale auf ganz Gotland – der Zisterzienser-Einfluss prägte die Steinarchitektur der ganzen Insel.
Im Norden sehenswert ist die Kirche von Lärbro mit ihrem ungewöhnlichen achteckigen Westturm (dendrochronologisch auf die 1340er datiert; der obere Teil wurde 1522 nach einem Sturm neu aufgesetzt). Daneben steht ein Kastal, ein Wehrturm aus dem 12. Jahrhundert – von einst zahlreichen gotländischen Kastalen sind nur drei erhalten: in Gammelgarn, als Pulverturm in Visbys Ringmauer und eben in Lärbro. Ebenfalls im Norden lohnt die Kirche von Bunge.
Im Süden ist Öja kyrka ein Höhepunkt: Ihre ältesten Teile stammen aus dem frühen 13. Jahrhundert, und sie besitzt das einzige noch aufrecht stehende monumentale Triumphkreuz Nordeuropas – ein gotisches Werk des „Öjameisters”, eines französisch geschulten Holzbildhauers aus dem späten 13. Jahrhundert. Dazu kommen die „Öjamadonna” (eine Mater Dolorosa) und gut erhaltene Kalkmalereien aus dem 12. und 14. Jahrhundert. Weitere kunsthistorisch bedeutende Landkirchen sind unter anderem Dalhem, Endre, Lye, Stånga und Rone.
Die Kirchen von Visby
In Visby selbst zeigt sich die Kirchengeschichte der Insel von ihrer anderen Seite: Hier stehen rund 13 Kirchenruinen aus der Hansezeit, und nur eine einzige mittelalterliche Kirche wird noch genutzt – der Dom St. Marien (S:ta Maria). Zu den Ruinen gehören unter anderem S:t Nicolai, Drotten, S:t Lars, S:t Hans, S:ta Karin, S:t Olof, Helge And, S:t Clemens, S:ta Gertrud und S:t Per.
Mehrere dieser Ruinen sind im Sommer (Mai bis September) geöffnet, darunter S:t Olof, S:t Lars, Drotten und S:ta Karin. Viele lassen sich außerdem für Veranstaltungen mieten – etwa Drotten, Helge And, S:t Clemens, S:ta Gertrud, S:ta Karin, S:t Lars, S:t Nicolai und S:t Per; während der Mittelalterwoche werden sie zu stimmungsvollen Spielorten. Für die Ruinen kann von Oktober bis April beim Gotlands Museum ein Schlüssel ausgeliehen werden, wenn man sie außerhalb der Saison sehen möchte. Mehr zur Hansestadt und ihrer Ringmauer steht im Visby-Guide.
Besuchen, Öffnungszeiten und Anreise
Die gotländischen Landkirchen sind aktive Gemeindekirchen – mit Gottesdiensten, Hochzeiten, Taufen, Konzerten und Vorträgen. Entsprechend gilt drinnen ruhiges, respektvolles Verhalten. Frei zugänglich sind sie in der Regel tagsüber im Sommer, offiziell von Mitte Mai bis Mitte September (häufig genannt 15. Mai bis 15. September). Außerhalb dieser Saison, also etwa von Oktober bis April, ist der Zugang je nach Gemeinde eingeschränkt; einzelne Kirchen lassen sich dann nur nach Schlüsselregelung öffnen. Eine verlässliche Quote ganzjährig offener Kirchen gibt es nicht – wer außerhalb des Sommers reist, plant deshalb mit Verschlossenem. Eine Eintrittsgebühr ist nicht üblich; die Kirchen sind frei zugänglich.
Zu den meisten Landkirchen kommt man am einfachsten mit dem Auto oder Fahrrad über die ruhigen Nebenstraßen. Eine Inselumrundung „Gotland runt” ist als rund 209 Kilometer lange, flache Radtour etabliert, die Rauks, mittelalterliche Kirchen und Kalksteinküste verbindet; ergänzend gibt es die markierte Gotlandsleden mit rund 500 Kilometern in Etappen. Besonders Südgotland eignet sich für ruhige Touren mit kurzen Kirchen- und Dorfstopps. Dass die Dichte machbar ist, zeigt eine Gotländerin, die 2020 zu allen rund hundert mittelalterlichen Kirchen radelte. Eine feste „Kirchen-Schleife” mit fixer Kilometer- und Kirchenzahl gibt es nicht – ein paar gezielte Stopps unterwegs bringen mehr als eine Hetzjagd quer über die Insel. Welche Kirchen sich in einen größeren Tagesplan einfügen, ordnet der Attraktionen-Guide; allgemeine Hinweise stehen in den Reiseinfos.